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RE: Der verkaterte Stiefel

in Prosa/Kurzgeschichten 17.06.2012 11:48
von Harald Herrmann | 5.315 Beiträge

Der verkaterte Stiefel

Ein Stiefel für einen wackeren Rittersmann zu fertigen, das war für den Zunftmeister der Stiefelmacher in der Stadt Tannengrund am Fuße der Burg Hohentann eine besondere Auszeichnung. Mit viel Sachverstand und Bedacht hatte er das Leder für den Zuschnitt ausgesucht und die einzelnen Lederstücke peinlich genau aufgezeichnet. Dabei fiel ihm zwar auf, dass für den linken Stiefel an der Spitze eine Winzigkeit Leder fehlen würde, aber er war sich sicher, dass das niemand bemerken würde.

Als er die Stiefel angefertigt hatte, waren es auch wirklich schwarz glänzende Meisterstücke, lediglich der linke Stiefel trug "die Nase etwas hoch", wie der Lehrling respektlos anmerkte, was ihm eine kräftige Maulschelle des Meisters einbrachte. Man machte sich auf den Weg zur Burg und lieferte die Stiefel gegen gutes Geld bei der Burgherrin ab, was den Meister dann dazu brachte, sich und dem Lehrling einen Feierabendtrunk zu genehmigen.

Auch auf der Burg ging es hoch her, der Ritter Franz von Hohentann feierte Geburtstag, der Wein floss in Strömen, und als die Burgherrin ihrem Gemahl die Stiefel als Geburtstagsgeschenk überreichte, wurde dies lautstark bejubelt und die Stiefel in Augenschein genommen.

"Mein Ritter, neue Stiefel sollte man nicht so, wie sie sind, anziehen, ich würde an ihrer Stelle - mit Verlaub gesagt - hineinpissen und dann eine Zeit lang mit den Stiefeln herumlaufen."

"Gemach, Junker Friedrich, das kann ich immer noch tun, wir wollen das Geschenk meiner lieben Frau jetzt erst mal kräftig begießen - und was würde sich besser dafür eignen als dieser vorwitzig aussehende linke Stiefel selbst!"

Mit diesen Worten goss der Ritter den linken Stiefel voll Wein, setzte an, trank und reichte ihn weiter. So ging das nun mehrere Stunden lang, wein wurde nachgeschüttet, der Stiefel ging reihum, wurde geleert, gefüllt, ging reihum wurde ...

Irgendwann wurde dem Stiefel recht schwindelig im Kopf, aber er genoss es, so bevorzugt zu werden, während sein rechter Bruder inzwischen vom Tisch gestoßen worden war und manche Füße auf ihm herumtrampelten.

Nun, jede Feier geht einmal zu Ende und so auch diese. Die Gäste hatten die Burg schon lange verlassen, als der am Tisch eingeschlafene Burgherr wach wurde, weil ihn die Blase drückte. Irgendwo in seinem umnebelten Hirn kam die Erinnerung an das Satzfragment "... ich würde an ihrer Stelle - mit Verlaub gesagt - hineinpissen ..." und er führte das kurzerhand bei dem noch mit Weinresten gefüllten Stiefel aus.

Anschließend brüllte er nach seinen Knappen, die ihn zum Schlafgemach führen und dann den Raum zu säubern hatten. Die ganze Zeit hatte der Stiefel völlig fassungslos auf einer Bank gestanden, ihm war schwindelig und Kotzügel, er hätte sich gerne übergeben, aber das war ihm unmöglich! Er hoffte, durch nicht sichtbare Schwingungen sich so an den Rand zu manövrieren, dass er von der Bank kippen konnte, aber das Geschwabbel in seinem Inneren ließ ihn dies schnell aufgeben, zumal jetzt auch einer der Knabben kam, seinen derangierten Bruder aufklaubte, ihn mit spitzen Fingern nahm und Richtung Stall strebte, um den Stiefelinhalt auf den Dunghaufen zu kippen.

Um die Stiefel einigermaßen zu retten, legte er sie in einen Korb, schüttete Strohächsel darüber und schob alles in die Wagenremise. Dort blieben die Stiefel unentdeckt stehen, vergessen und offensichtlich auch nicht vermisst.

Lange Jahre später wurden die beiden Exemplare gefunden und in der Burg, die inzwischen als Museum diente, ausgestellt. Bei Führungen wies der Ur, Ur, Ur, Urenkel des ehemaligen Besitzers auf den Geruch hin, der immer noch dem einen Stiefel anhaftete:

"Dieser Stiefel riecht, als wäre er verkatert!"




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