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RE: BEGEGNUNG (Erzählung) • Absender: Alex tHEfOOl, 28.04.2010 13:27

Hi, Leute.
Mal sehen, ob das alles so klappt:

Also - ich stelle hier eine Erzählung (Original 14 Normseiten) vor. Würde mich über Korrekturhinweise, konstruktive Kritik und -vor allem- Folgegedanken interessieren. Bitte keine unbegründeten Exklamationen - im Stil von "Gefällt mir gut!" oder "Nicht mein Fall!" Ohne die Hintergründe sind solche Aussagen wertlos für mich (und andere Leser).

Habe in der Vorschau gesehn, dass die Formatierung nicht klappt ... die Zeilen sind viel zu lang. Vielleicht bekommt man das noch hin, dass die Formatierung vom Originalext übernommen werden kann.

In jedem Fall (und trotzdem) ... gutes Lesen!

f132t677p1010n1.jpg - Bild entfernt (keine Rechte)
B E G E G N U N G


»He, hallo … Sie!« rief ich den Mann an, der auf den Bootssteg hinausgetreten war und ungeachtet des tosenden Sees immer weiterging. »Hallo! - Vorsicht!«
Ich klappte den Kragen meines Mantels hoch und begann zu rennen. Offensichtlich träumte dieser Mensch und spazierte mit offenen Augen, ohne wahrzunehmen, wohin ihn seine Schritte brachten.
Endlich hatte ich ihn erreicht und am Arm gepackt. Gerade noch rechtzeitig! Einen Schritt weiter und er wäre ins Wasser gestürzt - vielleicht sogar ertrunken! Wer sonst hätte ihn zurückhalten sollen? Bei diesem Sturm wagte sich niemand hinaus. Im ganzen Kurpark war kein Mensch zu sehen!
Mit einem höchst erstaunten, weniger fragenden als ärgerlichem Blick musterte mich der Fremde. Er war gut einen Kopf kleiner als ich und etwas dicklich. Seiner Kleidung nach zu urteilen, mochte er Kurgast in einem der luxuriösen Hotels am Ort sein. Auch die goldene Krawattennadel sprach für meine Vermutung - so unüblich dieses Kleinod heutzutage ohnehin war.
»Was machen Sie denn? Träumen Sie? Sie wären beinahe ins Wasser gefallen!« brachte ich schwer atmend hervor. Der Lauf zum Bootssteg hatte mir bewiesen, dass ich meinen Zigarettenkonsum drosseln sollte.
»Träumen?« Der Mann schmunzelte hintergründig und warf den düster brodelnden Fluten des Sees einen abschätzenden Seitenblick zu.
»Mann, Sie wären jetzt da drinnen, wenn ich Sie nicht zurückgehalten hätte!« schrie ich ihn unbeherrscht an. »Träumen Sie denn?«
»Nicht mehr!«, erklärte mir der Fremde ganz gelassen und trat einen Schritt zur Seite. »Nicht mehr, werter Herr!«
Wir standen immer noch bedrohlich nahe am Rand des Bootssteges und mir war nicht gerade wohl zumute. Der Wind blies fauchend und die Gischt der Wellenkämme berieselte uns wie aus einer defekten Brause. Immer wieder spritzte es bis auf die Planken des Steges hinauf.
»Was ist nur mit Ihnen los? Geht es Ihnen nicht gut? Brauchen Sie einen Arzt?«
»Ganz und gar nicht!« konterte er. »Mir geht es ausgezeichnet!«
»Was haben Sie sich denn dabei gedacht? - Sie spazieren hier tagträumend auf dem Steg dahin und mit dem nächsten Schritt wären Sie im Wasser gelandet! Ohne mich …«
»… ohne Sie müsste ich jetzt die Entscheidung treffen, ob ich schwimmen wollte oder nicht!« ergänzte der Mann meinen in Erregung abgebrochenen Satz. Aus Verlegenheit begann ich, mehrmals zu nicken. Die Ruhe dieses Menschen verwirrte mich, seine Worte verunsicherten mich. - Ein Lebensmüder, der keineswegs träumend dahin spaziert war …!
»Ach so …«, murmelte ich schließlich, immer noch ungläubig.
»Ja, so!« Der Mann sah mich streng an und nickte kurz.
Seine Augen lagen ungewöhnlich dicht beieinander und die buschigen Brauen verliehen seinem Blick etwas Unergründliches. Die von kurzen Falten zerfurchte Stirn und die langen, tiefen Linien seitlich der Mundwinkel, die sich in kurzem Bogen leicht nach unten senkten, verrieten mir, dass dieser Mensch schon vieles durchgemacht haben musste. So sah kein glücklicher Mann aus! Vielleicht hatten ihn einige Unglücksfälle in Folge aus dem Lot geworfen. Mochte er der Chef einer bankrott gegangenen Firma sein, ¬gerade frisch verwitwet oder trauernder Vater. In seinem ausdrucksvollen Gesicht zeichnete sich Leid ab - Leid und Resignation. Mir schien es, als könnte ich in seinem Gesichtsausdruck lesen, was er sich vom Dasein noch erwartete: nämlich nichts!
»Kommen sie. Wir könnten zusammen einen Grog trinken und uns ein bisschen unterhalten. Das wird uns beiden gut tun!« sagte ich und wollte ihn schon am Arm nehmen und mit mir ziehen.
»Ihnen würde das vielleicht gut tun!« entgegnete er. »Mir sicherlich nicht! - Ich trinke keinen Alkohol!«
Diese lakonische Bemerkung verwirrte mich endgültig. Trieb er sich nur einen Scherz? Hatte ich mich verschätzt?
»Wir sollten miteinander reden!« beharrte ich dennoch. »Sie … Sie sind nicht glücklich!«
»Nein, ich bin nicht glücklich!« bestätigte er mich. »Ich bin sogar sehr unglücklich!«
»Und deshalb wollten Sie sich das Leben nehmen!« folgerte ich jetzt - nach einer sehr kurzen Pause, die ich nötig gehabt hatte, um die direkte Feststellung auszusprechen.
»Ganz recht mein Herr! - Und ich will es noch immer!«
Diese Antwort trieb mir den Schweiß auf die Stirne. »Ich … ich verstehe, dass Sie unglücklich sind!« stammelte ich und suchte nach Worten, die nach Möglichkeit tiefe Anteilnahme ausdrücken konnten. »Aber vielleicht wollen Sie mir sagen … warum? Mit etwas Glück werden Sie dann einsehen, dass Sie noch längst nicht aufzugeben bräuchten … und dann finden Sie wieder zurück in den geregelten Alltag!«
»Ein hübscher Gedanke!« Der Mann schmunzelte.
»Nicht wahr? - Wir könnten …«
»… aber leider ist dieser Gedanke völlig unsinnig!« fuhr er, -mich unterbrechend, fort.
»Ich … aber … hören sie: Sie können doch nicht vor meinen Augen ins Wasser gehen. Das lass' ich einfach nicht zu! Abgesehen davon: Warum geben Sie sich selbst keine Chance?«
»Ich habe meine letzte Chance gestern Abend verspielt!« erklärte er.
»Dann vergessen sie's und geben sich nochmals eine … die allerletzte, wenn 's sein muss! Es ist nie zu spät!« drängte ich und zog ihn jetzt ein paar Schritte mit mir, weg von dem gefährlichen Rand des Bootssteges, mehr zur Mitte hin. Vielleicht konnte ich ihn sogar ganz auf den sicheren Spazierweg am Ufer lotsen.
Sanfte Gewalt musste ich anwenden, doch als der Mann plötzlich wie angewurzelt stehen blieb, brachte ich ihn nicht mehr weiter.
»Man kann nicht vergessen, wenn man nicht dazu veranlagt ist!« sagte er. »Vergessen! - Ist es dem Wollen unterstellt oder dem Können? - Wer vergessen kann, dem ist es gegeben, über gewisse Dinge einfach nicht mehr nachzudenken. Ich aber, ich vergesse nie etwas … nichts! Ich kann es nicht. Ich kann nicht einen Gedanken einfach einfrieren und nie wieder überdenken. Es geht nicht! Ich kann das nicht!«
»Geben Sie sich trotzdem eine neue, eine letzte Chance!« bat ich.
»Wozu?«
»Um meinetwillen! Um meinetwillen, wenn kein anderer Grund denkbar ist!«
»Um Ihretwillen?« Der Mann lachte jetzt leise.
»Um Ihrer Freunde willen - wenn Ihnen das•eher zusagt.»
»Ich habe keine Freunde.« konterte er.
»Dann tun sie's um Ihrer selbst willen!« fuhr ich auf. »Sie sind doch ein Mensch! Warum sollten Sie sterben, bevor es an der Zeit ist?«
»Aber … es ist an der Zeit!«
»Woher wollen Sie das wissen? Bestimmt der Mensch selbst, wann er abtreten muss?«
»Offensichtlich nicht! - Wäre es so, dann würde ich mich gerne bereit erklären, mit ihnen in einem Café etwas zu trinken und mich mit ihnen zu unterhalten. Aber unabhängig vom Nutzen solch eines Unternehmens ... ich bin mir im Klaren darüber, dass meine Zeit gekommen ist!«
»Wie können Sie das behaupten?«
»Ich fühle es und ich weiß auch warum!«
»Sie haben angedeutet, dass Sie keine Freunde haben! Wie können Sie das mit Sicherheit wissen? Freunde zeigen sich immer erst in der Not, nicht dann, wenn es einem gut geht! Und wie Sie sehen, Sie sind in Not und ich bin hier bei ihnen! Wir könnten Freunde sein!«
»Diese vage Möglichkeit bestreite ich gar nicht, werter Herr! Aber vage Möglichkeiten sind zu wenig! Ein halbes Leben lang musste ich mich mit Möglichkeiten zufriedengeben. Ich habe mir zugeschworen, Klarheit zu schaffen und diese vagen Unsicherheiten von vorneherein auszuschalten. Ich sehe keinen Grund, diesen Schwur gerade jetzt zu brechen!«
»Aber … vielleicht bin ich bereits Ihr Freund! Ich kümmere mich normalerweise um niemanden. Dann hab' ich Sie hier auf den Steg gesehen und ich musste einfach eingreifen. War das nicht so eine Art 'Wink des Schicksals'?«
»Für Sie oder für mich?« fragte der Mann ruhig.
»Für … für Sie natürlich!« schrie ich ihn unbeherrscht an. Mein eigenes Unvermögen brachte mich aus der Fassung. »Ein … Wink, der bedeuten könnte: Hier kommt der Freund, den du immer gesucht hast. Jetzt, in deiner schwersten Stunde, findest du ihn endlich!«
»Ein interessanter Gedanke, aber leider allzu romantisch! Wie kann ich denn einen Menschen nur deshalb akzeptieren, weil er einmal mein Freund werden könnte? - Geben Sie zu, dass dieser Einfall auch aus Ihrer Sicht keinen Wert hat! Es ist absurd! Wir kennen uns überhaupt nicht und Sie reden von Freundschaft!«
»Das ist doch … Sie wehren sich ja dagegen! Sie wollen keine Freunde!« brach es plötzlich aus mir heraus. Ich war drauf und dran, ihn zu packen und wie einen Schlaftrunkenen zu schütteln, den man rasch zur Besinnung bringen möchte.
»Möglicherweise war das immer mein größtes Problem! Ich habe mich einerseits nach einer Freundschaft gesehnt und andererseits wohl gefürchtet, mich zu binden und meine Unabhängigkeit zu verlieren. Genau weiß ich es nicht. Leider!«
»Dann versuchen sie's doch endlich mal! Indem man vor sich selbst davonläuft, kommt man nicht ans Ziel!«
»Oh, das mag stimmen - auch wenn es nicht völlig überzeugend klingen kann! Ich persönlich habe mir allerdings schon viele Ziele gesteckt und Sie alle erreicht. Mein jüngstes Ziel ist der Tod. Auch dies' werde ich erreichen!«
Mich überrieselte es kalt. Welche unbeirrbare Meinung von sich selbst und seinem Leben musste der Mann haben. Er schien mit sich wirklich fertig zu sein! Diese Tatsache bedrückte mich. Die Umstände, die zu unserer Begegnung geführt hatten, waren bedenklich genug, und wie ich das klar erkannte, mischte sich unerklärliche Furcht vor der unerhörten Wirkung, die der Mann auf mich erzielte, in meine Bedrückung. Da war einer, der ließ sich von einem Vorhaben nicht abbringen. Er hatte Macht ausgeübt und er ließ es mich spüren.
»Außerdem …«, fuhr er fort, ohne auf meine Erregung zu achten, »… können Sie mir eine bessere Zukunft versprechen? Mir?«
Ich kämpfte mit meiner Beherrschung. Solch ein eingebildeter, selbstherrlicher …!
»Das Leben, mein Herr! - Ist es nicht in jedem Fall dem Tod vorzuziehen?« fragte ich, mehr um meine Wut einzudämmen. Ich musste irgendwas sagen, um nicht zu explodieren.
»Können Sie Ihre Überzeugung begründen?«
»Die Natur, die Künste, Freunde … die eigene Person, die sich selbst verwirklichen sollte. Oh, man kann doch so vieles im Leben erreichen. Im Tod hingegen, findet man unter Umständen vielleicht die ewige Ruhe. Auf jeden Fall enden mit dem Tod die Chancen, die man auf Erden hat.
»Und wer garantiert ihnen, dass mit dem Tod alles endet?«
»Ungezählte vor uns, die gestorben sind. Man hat nie wieder von ihnen gehört. Oder sind Sie da anderer Meinung?« Jetzt wurde auch ich etwas zynisch.
»Eben weil aber mit dem Tod alles -hoffentlich- endet, habe ich diese Lösung gewählt, werter Herr! Könnte ich nochmals neu beginnen, dann würde ich es vielleicht tun. Der Tod jedenfalls ist für mich neu! Also, was spricht dagegen?»
»Ändern Sie Ihr Leben von Grund auf! Versuchen Sie auf dieser Welt nach neuen Maßstäben zu leben und etwas zu erreichen! - Wenn Sie bisher reich gewesen sind, dann beginnen Sie eben als armer Mann ganz von vorne! Sie werden sehen, dass dies sehr interessant ist!«
»Sie wissen nicht, wovon Sie reden, werter Herr!« konterte er. »Wer einmal reich gewesen ist, kann zwar als armer Kerl neu beginnen, aber er weiß, wie Reichtum den Menschen prägt und er ist selbst davon geprägt. Glauben Sie nicht, dass ich die Armut nicht kenne! Auch das habe ich durchgemacht. Ich war arm und reich! Ich kann mir vorstellen, was mich erwartet - auch wenn ich von vorne beginnen könnte! Einmal bin ich -wie jeder- ein unbedeutender Mann gewesen. Heute kennen mich viele und ich würde nicht lange arm bleiben. Bald müsste ich mich erneut entscheiden und dann wäre ich schlimmer dran als jetzt!«
»Und warum versuchen Sie es nicht mit der Mittelmäßigkeit? Warum Macht und Reichtum? Fangen Sie ganz von vorne an und halten Sie sich zurück!«
»Dann müsste ich gegen meine Natur handeln. Ich weiß, was ich kann und deshalb ist es unmöglich, in der Mittelmäßigkeit festzuhängen. Ein Jahr, vielleicht sogar weniger, und ich würde wieder hier stehen!«
»Aber mit Sicherheit gibt es einen Beruf, in dem Sie Ihre Fähigkeiten nicht ausspielen können!« meinte ich.
»Meine Fähigkeiten sind ganz allgemein, werter Herr! - Und wenn einer geschickt ist, kommt er überall rasch nach oben. Ich weiß genau, dass ich in jedem Beruf, den ich meiner Qualifikation nach ausüben könnte, innerhalb kürzester Zeit Erfolg hätte. Und dort, wo dies nicht möglich wäre, bin ich undenkbar!«
»Dann … dann ändern Sie Ihr Leben eben so grundlegend, dass es•keine solchen Möglichkeiten mehr geben kann! Wandern Sie auf eine einsame Insel aus …! Führen Sie ein Dasein wie Robinson oder … werden Sie Bauer! Säen und ernten Sie im wörtlichen Sinn. Die Früchte der Erde …! Egal was, aber leben sie!«
»Sehen sie, schön langsam vergeht auch ihnen die Lust an mir! Ich kann mich in Sie hineinversetzen, denn Sie verzweifeln daran, dass ich dem Leben nichts mehr abgewinnen werde. Sie aber können sich nicht in mich hineinversetzen, weil Sie noch viele, viele unerfüllte Wünsche haben - wie es aussieht! Ihre Unzufriedenheit mit dem Dasein entspricht allerdings nicht meiner Überdrüssigkeit!«
»Aber es muss doch irgendetwas geben, was ihnen bisher noch nicht in den Sinn gekommen ist!« jammerte ich.
»Auf die vage Möglichkeit hin, für ein paar kurze Monate Erfüllung zu finden, will ich nichts mehr versuchen, mein Herr!«
»Wenn Sie keine Befriedigung im Erfolg finden können, warum denken Sie dann nicht an die Befriedigung, die man als Mensch erreichen kann?«
»Was meinen Sie damit?« Er sah mich forschend an und ich erahnte, dass sich mir jetzt plötzlich wieder eine Chance bot.
»Ich meine die Familie damit! - Zeugen Sie ein Kind mit einer Frau, die Ihren Vorstellungen entspricht … gründen Sie eine Familie! Erziehen Sie Ihre Kinder und Sie werden die Freude an diesen haben, die ihnen bisher versagt geblieben ist!«
»Kinder? - Familie? - Sehen Sie mich an! - Ich bin kein junger Mann mehr und Sie dürfen mir glauben, dass ich Frauen gekannt habe, die mir den Kopf verdrehten. Drei davon habe ich geheiratet und vier Kinder tragen meinen Namen! - Ich wollte eine Familie gründen und es ist mir im Prinzip geglückt: Ich hatte eines Tages Frau und Kind! - Doch die Geborgenheit, von der man allgemein spricht, die fand ich nie. Ich bin rastlos, mein Herr! Ich suche das Neue!«
»Aber Ihre Kinder, bewundern Sie Ihren Vater nicht, der alles kann und ein reicher Mann ist?« fragte ich.
»Oh, die Begeisterung für meine Taten ist längst abgeklungen! - Man gewöhnt sich rasch daran, dass ein Mensch Eigenarten hat. Für meine Kinder ist Papa eben ein Held, der aus allem, was er anpackt, viel Geld macht und gar nicht allzu viel dafür tun muss. Genaugenommen erwarten es alle, die mich besser kennen, dass ich in meiner Position der Beste bin!«
»Aber wenn Sie alles können und alles wissen, warum suchen Sie dann den Tod, der ihnen nehmen wird, was Sie bisher erreicht haben?«
»Aus dem einfachen Grund, dass ich das nicht mehr wertschätze, was ich erreicht habe! Der Tod ist mir etwas Unbekanntes, Neues … Unberechenbares. Ich will ihn kennenlernen! Ich kann mir nicht vorstellen, was mich erwartet, aber ich bin wissbegierig. Erfüllung kenne ich keine mehr. Warum dann nicht der Tod?«
In mir selbst vollzog sich nach und nach ein Umschwung. Hatte ich zu Beginn Mitleid mit diesem Mann gehabt, kam dann Ungehaltenheit dazu, stellte sich jetzt mehr und mehr Verachtung ein.
»Sie kennen also alles, wissen alles, sind der Beste in allem und erwarten sich nichts mehr vom Leben?« fragte ich schließlich. Meine Stimme musste gepresst klingen. Ich beherrschte mich nur mühsam.
»Nein - nichts mehr! - Und wenn Sie mich beizeiten alleine lassen würden, wäre das sehr freundlich! - Oder wollen Sie mit mir ins Wasser gehen?« Sarkastisch lachte er auf und sah zurück zum Ende des Bootssteges. »Ich nehme nicht an, dass Sie die Kraft haben, Ihre Reflexbewegungen zu unterdrücken. Auch für mich wird es nicht leicht sein - denn ich war einmal ein Meister im Schwimmen und Tauchen!»
Nun reichte es mir. Ich stellte mich in Positur, holte tief Atem und erklärte dann:
»Ich will ihnen jetzt mal sagen, was Sie sind … wirklich sind! Sie sind ein armer Mensch - ein elender, mickriger … ja, ein … elender und mickriger Versager!«
»Wie?« Der Fremde schien mich nicht zu verstehen. Mit aufgerissenen Augen starrte er mich fassungslos an.
»Jawohl! Sie sind arm, weil Sie nur materielle Güter zu werten verstehen. Freundschaft, die Zuneigung Ihrer Kinder - nie haben Sie das erreicht. Immer nur Siegen, Geld, Ansehen, Macht, Einfluss - aber nie die wirkliche Zuneigung auch nur eines einzigen Menschen! Sie sind ein wahres Monster!«
»Ich … ich habe immer alles versucht … ich …« Schlagartig war seine nonchalante Überheblichkeit verschwunden. Unruhig stand er vor mir und sah mich hilflos an.
»Sie armer Mensch! Gehen Sie … springen Sie hinein und besiegen Sie das Leben! Mehr bleibt ihnen ja nicht mehr, da Sie die Gleichgültigkeit nicht bezwingen konnten!«
Ich wandte mich ab und verließ raschen Schrittes den Bootssteg. Hinter mir hörte ich ein hartes Stampfen, wütendes Schnauben und dazu ein klägliches Schluchzen. Plötzlich ein Schrei, kurz darauf ein Klatschen. Der Schrei wiederholte sich mehrere Male, doch ich drehte mich nicht um.
Etwas später blieb ich stehen und lauschte.
Nichts war zu hören - nur die Geräusche des mit unverminderter Kraft tobenden Sturmes!
Als ich mich umwandte, sah ich auf dem Bootssteg niemanden mehr. 'Man kann alles bezwingen, nur das Herz des Menschen nicht!' sagte ich mir, als ich zurückging und erst am Ende des Bootssteges, weit draußen im See, innehielt. Gedankenversunken sah ich hinab aufs brodelnde Wasser. 'Alles - nur das nicht! Aber vielleicht ist es befriedigend, wenigstens sein eigenes Herz besiegt zu wissen, indem man trotz aller Liebe zu sich selbst und zum Leben allem ein Ende bereitet!'
Kopfschüttelnd stand ich da und starrte vor mich hin. 'Ich selbst habe keine Freunde und kann sagen, dass mir bisher fast alles geglückt ist, was ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe. Ich war ein armer Hund und bin jetzt auf dem besten Weg dazu, ein angesehener, wenn nicht reicher so doch wohlhabender Mann zu werden. Aber Freunde, die mich verstehen? Kenne ich Menschen, die ich liebe, weil Sie so sind, wie ich mir einen Freund wünschte?'
Ein letzter Blick zurück zum Kurpark und die vom heftigen Regen verschleierten Hotelsilhouetten. Ein dicklicher Herr stand am anderen Ende des Bootssteges und winkte mir aufgeregt. Er mochte gut einen Kopf kleiner sein als ich. Selbst über die Entfernung hin sah ich die buschigen Brauen über seinen kleinen Augen.
'Der soll meine Entscheidung nicht beeinflussen!' sagte ich mir.


© a. zeram 2010

[ Editiert von Alex tHEfOOl am 01.05.10 15:16 ]


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